19/10/2026 von Andrea Röcklinger 0 Kommentare
Selbstliebe und Burnout: Warum du nicht perfekt sein musst, um geliebt zu werden.
Es ist halb elf am Abend, die Küche ist halbwegs sauber, und ich sitze noch am Laptop. Die Präsentation für morgen ist „noch nicht gut genug“. Eigentlich bin ich todmüde, aber aufhören? Geht nicht. Was würden die anderen sonst denken?
Heute weiß ich, das war kein Fleiß, das war Angst. Und zwar die Angst nicht zu genügen. Kennst du das? Dann liegt weiter. Ich glaube nämlich mittlerweile, dass Erschöpfung und die Kunst, wie du mit dir selbst umgehst, viel enger verbunden sind, als uns lieb ist.
Selbstliebe heißt nicht, dich toll zu finden
„Selbstliebe“ klingt oft nach Badewanne, Kerzerl und Affirmationen vorm Spiegel. Darum geht es mir nicht. Mir geht es um was viel Unspektakuläreres. Dich anzunehmen, mit allem, auch mit dem, was du an dir nicht magst.
Annehmen heißt nicht, alles schönzureden. Du darfst ungeduldig sein und trotzdem daran arbeiten wollen. Der Unterschied liegt im Ton.
➡️ Wie redest du mit dir, wenn was schiefgeht?
Die Psychologin Kristin Neff nennt das Selbstmitgefühl.
Drei Dinge gehören für sie dazu:
▪️Mit dir so freundlich sein wie mit einer guten Freundin.
▪️Wissen, dass Fehler zum Menschsein gehören und du damit nicht allein bist.
▪️Und schwierige Gefühle wahrnehmen, ohne unterzugehen.
Genau das scheint vor Burnout zu schützen. Studien zeigen immer wieder, wer wenig Selbstmitgefühl hat, rutscht leichter hinein.
Wenn Liebe verdient werden muss
Wenn du tief drinnen glaubst „So wie ich bin, reicht's nicht“, dann versuchst du, das auszugleichen. Mit Leistung, mit Perfektion und mit Für-alle-da-Sein.
Die Sozialpsychologin Jennifer Crocker hat untersucht, was passiert, wenn wir unseren Selbstwert an Bedingungen knüpfen: an Erfolg, an Anerkennung, daran, gebraucht zu werden.
Kurzfristig fühlt sich jeder Lob gut an, langfristig zahlst du drauf, weil jeder Fehler gleich am Fundament rüttelt, und weil du dir dieses Fundament jeden Tag neu verdienen musst. Das ist anstrengend, jeden einzelnen Tag.
Und jetzt wird es spannend:
Perfektionismus ist nicht gleich Perfektionismus. Eine große Auswertung von 43 Studien mit fast 10.000 Menschen hat gezeigt, dass hohe Ansprüche an dich selbst kaum ein Burnout-Risiko sind. Gefährlich wird es, wenn die Angst dazukommt. Angst vor Fehlern, vor Kritik, davor, andere zu enttäuschen. Dieser angstgetriebene Perfektionismus hängt deutlich mit Burnout zusammen. Das heißt, nicht dein Anspruch macht dich fertig, sondern der Gedanke dahinter: „Wenn ich es nicht schaffe, bin ich nichts wert.“
Warum es uns Mamas so schwerfällt, uns anzunehmen
- Weil wir früh gelernt haben, dass Tapferkeit belohnt wird.
Viele von uns haben als Kind gespürt, wenn ich lieb, hilfsbereit und unkompliziert bin, Krieg ich Zuwendung. Daraus wird später ein Glaubenssatz wie „Ich bin nur liebenswert, wenn ich funktioniere.“ Der meldet sich nicht laut, es ist einfach immer im Unterbewusstsein da, und wird herausgeholt, auch wenn wir in nicht haben wollen. - Weil es die „perfekte Mutter“ gibt. Zumindest im Kopf
Forscherinnen haben gezeigt, dass der Druck, eine perfekte Mutter sein muss, mit älterem Burnout zusammenhängt. Eine finnische Studie mit fast 500 Mamas von Babys fand außerdem: Wer glaubte, dass andere Perfektion von ihr erwarten, hat ein höheres Burnout-Risiko. Ein stabiler Selbstwert wirkt dabei wie ein Puffer, und bei Müttern mit niedrigem Selbstwert war der Effekt sogar noch stärker. - Weil der Vergleich nie aufhört.
Instagram zeigt dir rund um die Uhr Frauen, die scheinbar alles schaffen. (Ja, ich weiß, wo du mich normalerweise liest.) Du siehst ihre Highlights, und vergleichst sie mit deinem ganz normalen Dienstag. - Weil wir unseren Wert über Nützlichkeit messen.
Gebraucht werden fühlt sich gut an, bis du nicht mehr weißt, wer du eigentlich bist, wenn grad niemand was von dir will. - Weil der Mental Load keine Pause kennt
Wenn du an alles denken musst, fällt jedes Vergessen auf dich zurück, und jedes Vergessen fühlt sich für dich als Versagen an und wird zum Beweis: „Ich krieg es halt nicht hin." - Weil Schwächen bei uns einen schlechten Ruf haben.
Müde sein, Hilfe brauchen, Nein sagen. Für viele fühlt sich das an wie Versagen ist es aber nicht. Es ist menschlich. Unsere Gesellschaft ist zum größten Teil dazu leider andere Meinung.Und bevor du jetzt denkst „Super, noch was, das ich an mir verbessern muss“: Stopp. Ein Teil davon sitzt gar nicht in deinem Kopf, sondern in den Erwartungen, die unsere Gesellschaft an Mütter stellt. Das zu sehen, entlastet. Du bist nicht kaputt. Du reagierst ziemlich normal auf ziemlich viel Druck.
Wie du anfangen kannst, dich anzunehmen
▪️Hör deiner inneren Kritikerin zu.
Schreib einen Tag lang mit, was sie so sagt. Dann frag dich ehrlich: Würd ich so mit meiner besten Freundin reden?▪️Finde den Satz dahinter.
Hinter „Ich muss das perfekt machen“ steckt oft „Sonst mag mich keiner.“ Wenn du den alten Satz erkennst, kannst du ihn prüfen. Stimmt der heute überhaupt noch?▪️Übe „gut genug“.
Such dir diese Woche eine Sache aus, die du bewusst nur zu 80 Prozent machst. Den Geburtstagskuchen kaufen statt backen, die E-Mail abschicken, ohne sie dreimal zu lesen. Und dann schau, was passiert.▪️Leg die Hand aufs Herz klingt kitschig, wirkt aber.
Die Übung kommt von Kristin Neff: In einem schweren Moment die Hand auf die Brust legen und dir innerlich sagen: „Das ist grad schwer, und ich bin damit nicht allein.“▪️Nimm Hilfe an, ohne Rechtfertigung, ohne „Das wär aber nicht nötig gewesen“.
Du musst dir nichts mehr beweisen
Du musst dich nicht jeden Tag großartig finden. Es reicht, wenn du aufhörst, dich ständig beweisen zu wollen. Das ist echte Burnout-Prävention. Und wenn du merkst, dass du schon tief in der Erschöpfung steckst: Hol dir Unterstützung, bei deiner Hausärztin, bei einer Psychotherapeutin oder in einer Beratung.
Wenn du gleich heute anfangen willst:
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Quellen
Neff, K. D. (2003). The development and validation of a scale to measure self-compassion. Self and Identity, 2(3), 223–250.
Systematische Übersichtsarbeit zu Selbstmitgefühl als Schutzfaktor vor Burnout bei Medizinstudierenden und Ärzt:innen, Universidade da Beira Interior: https://ubibliorum.ubi.pt/entities/publication/36272c9a-c1ed-4504-bc87-41f7d0dfa38b
Crocker, J. & Park, L. E. (2004). The costly pursuit of self-esteem. Psychological Bulletin, 130(3), 392–414.
Hill, A. P. & Curran, T. (2016). Multidimensional Perfectionism and Burnout: A Meta-Analysis. Personality and Social Psychology Review, 20(3), 269–288.
Meeussen, L. & Van Laar, C. (2018). Feeling Pressure to Be a Perfect Mother Relates to Parental Burnout and Career Ambitions. Frontiers in Psychology, 9.
Raudasoja, M., Sorkkila, M. & Aunola, K. (2023). Self-Esteem, Socially Prescribed Perfectionism, and Parental Burnout. Journal of Child and Family Studies, 32(4), 1113–1120.
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