Warum dich deine Selbstzweifel gerade abends überfallen (und was du dagegen tun kannst)

Kennst du das? Tagsüber funktionierst du. Kinder fertigmachen, Job, Einkaufen, irgendwie noch das Abendessen hinbekommen. Du machst deinen Stiefel durch, mehr oder weniger im Autopilot. Und dann, abends, wenn die Kinder endlich schlafen und du auf der Couch sitzt – kommt es. Dieser eine Moment vom Nachmittag, wo du dein Kind angefahren hast, weil du einfach fertig warst. Dieser Satz in der Teamsitzung, der komisch rübergekommen ist. Und plötzlich bist du nicht mehr die Frau, die ihren Tag gemeistert hat, sondern die, die alles falsch macht.

 

Hätte ich nicht anders reagieren können?

Warum hab ich schon wieder nicht Nein gesagt? Bin ich als Mama überhaupt gut genug? Wenn du das kennst, möchte ich dich beruhigen, das sind deine ganze innere Arbeit, dein Bemühen, dein „Ich will das anders machen“, das war nicht umsonst. Nur weil die Zweifel wieder da sind, heißt das nicht, dass du keinen Schritt weitergekommen bist.

 

 

Warum es dich ausgerechnet am Abend erwischt?

Das ist kein Zufall, und es liegt selten an dir als Person, es liegt am Zustand, in dem du bist. Du bist müde, dein Körper hat den ganzen Tag Reize verarbeitet, vielleicht steckst du mitten im Hormontief vor der Periode. Vielleicht hast du zu wenig gegessen, zu viel Kaffee getrunken, ein Glas Wein zu viel gehabt. All das macht dich anfälliger, nicht schwächer, anfälliger.

Und dann taucht ein unangenehmes Gefühl im Körper auf., also ein komisches Unwohlsein. Statt zu denken „okay, mein Körper ist erschöpft, das ist alles“, fängt deinen Kopf an zu erklären, warum du dich schlecht fühlst. Er sucht einen Schuldigen, meistens dich selbst. Genau da beginnt die Spirale.

 

 

Die Übung, die den Kreislauf unterbricht

Wenn du das nächste Mal dieses Gedankenkarussell erwischt, mach Folgendes: Schnapp dir einen Zettel und schreib auf, was dir gerade durch den Kopf geht, ganz ungefiltert, ohne es hübsch zu formulieren.

Das bringt zwei Dinge:
1. Allein das Aufschreiben unterbricht den Kreislauf, weil du deine Gedanken nicht mehr nur fühlst, sondern von außen betrachtest.
2. Du siehst schwarz auf weiß, wie subjektiv und übertrieben diese Gedanken oft sind. Aus „ich war heute kurz angebunden“ wird in deinem Kopf plötzlich „ich bin eine schlechte Mutter“, und auf dem Papier merkst du, das ist ein ziemlicher Sprung.

Falls dir Schreiben nichts bringt, geht's auch im Kopf. Frag dich: Was sage ich mir gerade? Und woher kenne ich diesen Satz eigentlich? Denn genau hier wird's interessant.

 

Woher kommen diese Sätze wirklich?

„Ich bin nicht gut genug.“ „Ich darf nicht schwach sein.“ „Wenn ich Nein sage, mag mich niemand mehr.“
Das sind selten neue Gedanken, die meisten sind das alte Bekannte, Sätze, die du irgendwann von deiner Mutter, einer Lehrerin, einer prägenden Erfahrung übernommen hast, und die sich seitdem wie deine eigene Wahrheit anfühlen.

Ein Beispiel : Vielleicht hast du als Kind gelernt, dass du nur geliebt wirst, wenn du funktionierst und keinen Ärger machst. Heute, 30 Jahre später, sitzt du erschöpft am Küchentisch und der gleiche alte Satz meldet sich: Wenn ich jetzt schwach bin, bin ich nicht liebenswert, nur dass er sich diesmal als „ich bin eine schlechte Mama“ tarnt.

Deine erste Reaktion wird sein, den Gedanken zu verteidigen, und ich kann dir sagen, du wirst immer Gründe finden, warum er stimmt, dein Kopf ist gut darin, sich selbst recht zu geben. Aber ein Gedanke, der sich wahr anfühlt, ist nicht automatisch wahr. Er ist eine Schlussfolgerung, die du irgendwann mal gezogen hast, nicht mehr, nicht weniger, einfach ein Gedanke. Und ein Gedanke kann bekanntermaßen verändert werden. Die Momente des Zweifels und der Unsicherheit sind nicht das Ende deines Weges, sondern ein Teil davon. Darauf musst du vertrauen.

 

 

Warum hältst du dieser Stimme eigentlich die Treue?

Hier wird's spannend: Wer sagt das eigentlich – „ich bin nicht gut genug“? Ist das wirklich deine Überzeugung, oder ist das gleiche Stimme, die dich schon dein ganzes Leben klein hält?

Und noch eine unbequemere Frage: Gibt es vielleicht einen Teil in dir, der sich an diese Rolle so gewöhnt hat, dass er sie gar nicht aufgeben will? Der lieber „ich schaffe das eh nicht“ denkt, weil das vertraut ist, auch wenn es weh tut?

Warum sind wir dieser inneren Stimme, die uns fertigmacht, eigentlich so treu? Vielleicht, weil sie sich wie du fühlt. Aber ist sie das wirklich, oder einfach ein über Jahre eingeschliffenes Muster, das genau dann anspringt, wenn du müde oder überfordert bist? Ein Programm, das läuft, solange du es nicht bewusst unterbrichst. Du bist ja nachweislich nicht den ganzen Tag über diese Stimme ausgeliefert. Tagsüber, wenn du funktionierst, ist sie am meisten noch, sie meldet sich erst, wenn dein System am Limit ist, und das sagt mehr über deinen Erschöpfungszustand aus als über deinen Wert als Mensch.

 

 

Der Widerstand macht es schlimmer, nicht das Gefühl selbst

Hier kommt der Teil, der vielen schwerfällt: Ein Großteil des Leidens entsteht nicht durch den Selbstzweifel an sich, sondern dadurch, dass wir ihn nicht da sein lassen wollen, wir kämpfen gegen das Gefühl an, statt es kurz auszuhalten.

Wenn du dir stattdessen erlaubst zu sagen: „Okay, ich bin gerade zweifle, das ist unangenehm, aber es macht mich nicht zu einer schlechten Mutter“, verliert das Gefühl einiges von seiner Wucht, weil du aufhörst, dagegen anzukämpfen. Du bist nicht kaputt, nur weil du zweifelst. Du bist ein Mensch, der viel zu tragen hat, und der Abende erschöpft ist, das ist alles, und darf manchmal so sein.

 

 

Drei Fragen für den nächsten Grübel-Abend:

  1. Was fühle ich gerade genau, und könnte das auch einfach Erschöpfung sein?
  2. Kenne ich diese Gedanken? Wo habe ich ihn zum ersten Mal gehört?
  3. Was würde ich einer guten Freundin sagen, die mir gerade genau das erzählt?

Du musst diesen Zweifel nicht wegmachen, wegdrücken funktioniert sowieso nicht, das weißt du selbst am besten, du hast es oft genug versucht, und abends kommen sie trotzdem wieder hoch.
Aber du kannst etwas anderes tun, du kannst ihre Bedeutung verändern. Der Zweifel darf da sein, ohne dass du ihm recht gibst, er darf laut sein, ohne dass er das letzte Wort hat.

Das ist der Unterschied zwischen „ich kämpfe gegen dieses Gefühl an“ und „ich lass es da sein, ohne mich davon definieren zu lassen.“
Denn eines ist wichtig: Ein Zweifel ist ein Gefühl, kein Beweis. Er fühlt sich in dem Moment an wie die Wahrheit über dich, aber das ist er nicht. Er ist ein alter Reflex, ein müder Kopf, eine Stimme aus einer Zeit, in der du glauben musstest, dass mit dir nicht gestimmt wurde, um dazuzugehören. Er sagt dir nichts Verlässliches über deinen Wert als Mama, als Frau, als Mensch.
Du musst diese Zweifel auch nicht besiegen. Du darfst aufhören, ihnen automatisch zu glauben.

 

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Deine 
Andrea

 

 

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